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Auf Erkundung

 

Adendorf, in einem nach Osten und Westen geöffneten Tal gebettet, besäumt von Obstwiesen und mediterranen Trockenhängen, verschont von preußischer Bergwerkspolitik, seit uralten Zeiten dem Algorithmus eines Landmannes verschrieben, durchzogen von einem eiszeitlichen Ureinwohner - der Schlenze, welcher man Grüße an die 2000 Fuß entfernte Saale anvertrauen kann - wird 1190 erstmals urkundlich erwähnt. Lehnsleute sind das Dienstadelgeschlecht v. Adendorf, sich selbst so benennend nach dem schon existierenden "Dorf des Ado". Die Familie erfreut sich noch bis 1467 am sonnenbeschienen Südhang, ihnen folgen die Familien v. Mogewitz, Radecker und dann eine Vielzahl von weiteren Genießern, die es aber nie lange aushielten. " Es sind hier bergige und daher ungünstige Ackerverhältnisse, aber auch die Menschen werden von geheimnisvollen Mächten bedrängt" schreibt 1938 der Heimatforscher Erich Neuß. Einen etwas größeren geschichtlichen Überblick verspricht der alte Bergfried Friedeburg. Steht man im großen Südanbau der Friedeburg mit seinen hohen Fenstern, sieht man den ganzen altthüringischen Reichbesitz: links die Saale, jenseits dieser die feindlichen Slawen, diesseits königliche Lande, - vorerst zumindest. Nach kurzer Zeit treten die Thüringer den schönen Ausblick an die Sachsen ab. Der erhabene Anblick findet später große Resonanz bei den anschließenden Besitzern, den Frankenkönigen Dagobert und Chlodwig.
Schon im Jahr 1000 beobachtet man vom Fenster des Schlosses auf beiden Seiten des Flusses das rege Treiben der Grafen von Merseburg, seit neuestem Amtsinhaber und erste Aktionäre im ländlichen Geschäft. Kurz darauf folgen ihnen die Wettiner, welche 1069 vom Mansfelder Grafengeschlecht abgelöst werden. Diese sind hartnäckig und halten sich bis zum Aussterben 1780. Ab dann wird der Ausblick preußisch.
Der sonnenbeschienene Südhang gibt wie immer seit 1879 sein salziges, 11° Celsius warmes Wasser aus einem 31,06 km langen Stollen wieder, gespeist von allen mansfeldischen Schächten und Höhlen, vereint sich mit dem eiszeitlichen Ureinwohner des Tales. Sie bahnen sich einen Weg zur Saale und ihr leises Gurgeln wird irgendwann die Nordsee erreichen, den Atlantik und werden Kunde tun ob ihrer mansfeldischen Herkunft.

Der kleine Ort Adendorf ist mit seinen 100 Einwohnern ganz gewiss ein historisches Leichtgewicht. Und doch liegt er fast zentral in einem Rund aus bedeutenden Orten, die tragendere Rollen in der europäischen Geschichte als ein Landgut spielten.
Ein halber Tagesmarsch von Adendorf entfernt liegt die Burg Wettin. Wie seit Hunderten von Jahren ist sie von Adendorf nur mit der Fähre zu erreichen. Am anderen Ufer der Saale, zu Füßen der Burg, liegt die Ortschaft Wettin. Sie begrüßt den Besucher mit einem Steh - Restaurant, wo Spezialitäten vom Bosporus schnell zubereitet werden - liebevoll in das mittelalterliche Ambiente des Ortes eingefügt wie das neue Betonpflaster auf dem Parkplatz. Auch eine Anzahl von Marktleuten vemittelt mediavalen Alltag, nur dass die Gilde der asiatischen Kaufleute noch nicht sehr alt ist.
Mit ihrer Größe schafft die Burg von Anfang an Klarheit: sie gehört zu den größten deutschen Burganlagen. Sie ist neben der Burg Hohenzollern die einzige erhaltene Stammburg des deutschen Hochadels. Thimo der Ältere (1015-1091) nannte sich als erster Bewohner Graf von Wettin. 800 Jahre später stellt die Erblinie der Wettiner die Könige von Sachsen. Davor hatten sie 400 Jahre lang den Titel Kurfürst zu vererben. Insgesamt 892 Jahre regierte das Haus Wettin, - kein anderes deutsches Fürstenhaus erreichte diese Zahl.


Nur wenige Schritte von Wettin entfernt liegt Mücheln, ein leicht zu übersehender Ort - sowohl kartographisch als auch beim Durchqueren per Automobil. Nahe der alten Bahnbrücke steht ganz versteckt, beinahe scheu und doch ihre charmante Anziehungskraft ahnend, eine kleine Kapelle - die einzige noch existierende des Templerorden auf deutschem Boden. Eine kleine Kapelle, die ganz unauffällig und bescheiden seit dem 13.Jahrhundert ein Kloster-ähnliches Ensemble hütet und ihre ruhigsten Jahre als landwirtschaftliches Gebäude verbrachte. Mücheln war nie Brennpunkt der templerischen Gemeinschaft. Nach deren merkwürdigen und schaurigen Untergang konzentrierte sich der ganze Mythos auf die Ufer des Tajo. Um so erstaunlicher wirkt das kleine Gebäude am Ufer der Saale. Je mehr sich der Besucher der wechselvollen Geschichte des Ordens erinnert, um so mehr scheint sich das alte Bauwerk daran zu erfreuen, bläht stolz seine gotische Apsis, glättet seine verwitterte Sandsteinhaut und richtet wohlwollend seine Balken - um beim nächsten, zunächst noch fremden Besucher sofort wieder unscheinbar und teilnamslos zu wirken. Dann verblassen seine hohen Fenster, es hüllt sich in Schweigen wie seine Erbauer und ist wieder eine kleine Kapelle in Mücheln.

Ein Tagesmarsch von Adendorf entfernt liegt Eisleben, protestantischer Kontrapunkt zur katholischen Kirche seit dem 16. Jahrhundert. Ein Vergleich mit Rom oder Konstantinopel brauch diese Bergarbeiterstadt nicht zu scheuen, eher die Geschäftstüchtigkeit der anderen Lutherstädte Wittenberg und Mansfeld. Jüngst fand man in Mansfeld, wo Luther seine Kindheit verbrache, die langersehnte Kloake unter dem Haus der Eltern. So kann nun anhand einiger Artefakte geklärt werden, womit Luther als Kind gespielt hat und was so alles auf den Tisch kam. Damit kann Eisleben nicht gleichziehen, es verfügt ja nur über das Geburtshaus und Luthers Taufkirche. Worauf sollen sich die Eislebener (vor Ort auch Eisleber genannt)also berufen? Auf die Magie, die ein Geburtsort so wie Bethlehem hervorrufen kann? Im Stadtrat abgelehnt... Lieber Altbewährtes wie schöne neue Mietparkplätze.
Vom Geburtshaus des Martin Luther stadteinwärts befinden sich die ältesten Gebäude der Stadt, beidseitig des kleinen Flusses, dem seit einiger Zeit durch ein massives Bett seine zerstörerische Gewalt genommen wurde. Viele Häuser sind meist alte Gehöfte, mit schweren Mauern, sorgfältig bearbeiteten Sandsteinbögen, jedes Tor spricht auf eine andere Weise den Tagesgruß, jede Wand neigt sich vor oder zurück, als würden sie mit dem jeweils übernächsten Haus Gespräche führen. Die Dächer formen Buckel, Pferderücken, Spitzen, Kreuze, Ebenen, stumpfe Pyramiden, 12-eckige Zwiebeln, sie sind gespickt mit Gauben, Erker, Schonsteinen, Wetterhähnen, Rauchverwirbler, Moose und Flechten, Empfangsgeräte für elektromagnetische Wellen, Reklameschilder, Wäschetrockner, Fensterkreuzen. Die Fassaden leuchten saharagelb, azurblau, weinrot, flammend orange, weiß, aus pastellierten Varianten von Grün und Rot. Ihre Fenster haben den Sims nach innen oder nach außen, sie haben Bögen, Sprossen, Augen, Gardinen, Kästen mit Pflanzen und anderen Schmuck.
Das alles ist nicht etwa unüberschaubar.
Die Häuser bilden drei dem Flußverlauf parallel folgende Linien, so dass sich die Vielfalt der geometrischen Figuren der Kunst der mittelalterlichen Stadtplanung unterordnet.
Eine grobe Maxime und eine individuelle Ausführung.
Eisleben war schon immer protestantisch und hat das vielleicht nur vergessen.


07.02.2009 marc

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